Staatliche Zugehörigkeit

Greifenstein - Lahn-Dill-Kreis - Regierungsbezirk Gießen - Hessen - Deutschland

Postleitzahl

W6331
35753 (seit 1993)

Kennung

ELGSEN_W6331

Informationen

Geschichte der Klinik Waldhof

Im Lahn-Dill-Kreis zwischen Wetzlar und Herborn am Südostrand des Westerwaldes liegt eine Pneumologische Klinik genannt “Waldhof Elgershausen”. Die gelb leuchtenden Krankenhausbauten sind von hohen Laub- und Nadelwäldern umgeben und schmiegen sich an den oberen Talabschluss des Gersbaches, einem der kleinen nach Osten in die Dill mündenden Westerwaldbäche. Die Mitte der Siedlung bildet ein denkmalgeschützter alter Bruchsteinbau mit hohem Schiefergiebel und aus Sandstein gehauenen gotischen Fensterumrahmungen, genannt: “Heilig Haus”. Malerisch spiegeln sich ein alter Treppenturm und die Ruine eines Brunnenhauses im angrenzenden Fischteich. Ein Bauwerk, das “heilig” genannt wird, und ein zerfallenes Brunnenhaus, machen gespannt darauf zu erfahren, was dieses Stückchen Erde im Laufe der Geschichte alles erlebt hat.

Verlassene Weilersiedlung Duodelinbach

Am Rand der Greifensteiner Hochfläche, dort, wo die Quelle des Gersbaches entspringt, weisen alte Lesesteinhaufen heute noch auf Spuren einer vorgeschichtlichen Besiedlung hin. Von Bodenfunden dieses Siedlungsplatzes ist in den Naussauischen Mitteilungen, der Zeitschrift über Bodendenkmäler in Mittelhessen, die Rede [1]. Im Verlauf des frühen Mittelalters wurde der Wald von den Bewohnern des Ortes immer weiter talabwärts gerodet, urn neue Ackerflächen auf nicht erschöpftem Boden zu gewinnen. Mit den neu angelegten Feldern zogen auch die Anwohner ins Tal [2]. Elgershausen_1Eine kleine Weilersiedlung mit etwa 3-5 Höfen entstand. Duodelinbach wird der Ort 1351 in Verbindung mit der Siedlung Elgershausen in einer Urkunde des Staatsarchivs Koblenz [3] genannt. Graf Johann von Nassau- Dillenburg verkaufte damals einen Zehntanteil in den beiden Orten an Wittekind von Lichtenstein. Aus dem vorhandenen Urkundenmaterial der Jahre 1325- 1352 wird ersichtlich, dass die Lehnshoheit über die beiden Siedlungsplätze Duodelinbach und Elgershausen zwischen einzelnen Mitgliedern des heimischen Territorialadels oft wechselte [4]. Der Ort Duodelinbach oder Dudelnbach, wie er später noch einmal genannt wird, ist aufgrund von Scherbenfunden im Wald hinter dem Prinz-Albrecht-Haus heute genau lokalisiert [5]. Unsicher ist, ob der Ort zur Zeit der Ersterwähnung überhaupt noch bewohnt war. Sicher erging es ihm wie vielen kleinen Siedlungsplätzen des Westerwaldes, die aufgrund von Missernten, von sozialen Umwälzungen und neuen Ackerbautechniken in einer “Wüstungsperiode” am Ende des 13. Jahrhunderts verlassen wurden [6]. Von Duodelinbach und Elgershausen blieb ein Einzelgehöft im Bereich des heutigen "Heilig Hauses" übrig, möglicherweise ein Haus des Elgar oder Helger, von dem sich der heutige Ortsname “Elgershausen” ableiten lasst [7].

Marienheiligtum und Wallfahrtsort

Dieser Einzelhof erlebte nach 1400 einen starken Aufschwung, als der in der 3 km entfernten Residenz Greifenstein herrschende Graf Bernhard II zu Solms- Greifenstein (1409-1459) in Elgershausen eine Marienkapelle errichten liess [8]. Das Zeitalter der Mystik mit seinen starken religiösen Lebensformen und Spannungen verlangte nach einem Ort, wo christliche Bruderschaften und Laienorden ein Betätigungsfeld finden konnten. Ausserhalb der Burg gelegen, aber doch in erreichbarer Nähe, war der an einer stark sprudelnden Quelle gelegene Hof der richtige Platz für eine Wallfahrtskapelle. In den Anfangsjahren des 15. Jahrhunderts wurde wohl mit dem Bau der steinernen Kirche begonnen. Elgershausen_21468 wurden der dort ihre Andachtsübungen verrichtenden St. Georgsbruderschaft bereits Ländereien übereignet [9]. Der Kirchenbau gliederte sich in einen ca. 8,00 m hohen, 11,00 x 12,00 m grossen Gemeinderaum mit 2 schlanken Mittelstützen und einen ca. 10,00 x 10,00 m messenden Altarraum. Die Trennung zwischen beiden bildete der hohe gotische Triumphbogen, wie er an der Katharinenkapelle in Greifenstein heute noch zu sehen ist [10]. Die ereignisreichste Zeit des "Heilig Hauses" und seiner Marienkapelle war die zweite Hälfte des 15. und die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. 1479 erhielt Elgershausen mit Jost von Frankenberg [11] einen eigenen Kaplan, eingesetzt von Graf Otto II, dem Nachfolger Bernhards. Und was für ein bemerkenswerter Zufall der Geschichte: angelockt durch Berichte von Wunderheilungen an heilkräftiger Quelle kamen schon damals Kranke nach Elgershausen, weil sie sich Linderung ihrer Leiden versprachen. Und auch wirtschaftlich blühte Elgershausen auf. Durch Schenkungen und Käufe gab es kaum eine Siedlung im Solmser Land, die nicht dem Wallfahrtsort Elgershausen abgabenpflichtig war [12]. Die damalige lokale Kirchensteuer, Elgershäuser Gülte genannt, betraf über 20 Orte, die entweder Geld oder Naturalien zu entrichten hatten. Die erste Auflösung kirchlicher Aktivitäten in der Marienkapelle in Elgershausen kam mit der Reformation und deren Einführung in das Land durch den Übertritt des Grafen Philipp zu Solms 1554. Als Kapelle ohne dörfliche Gemeinde, angewiesen auf die Laienordensbewegungen, hatte sie keinen Bestand mehr. Die “Elgershäuser Gülte” wurde etwa zur Hälfte auf die 1602 gegründete reformierte Pfarrei Greifenstein übertragen. Die andere Hälfte diente dazu, neue Schulen im Solmser Land zu gründen [13].

Fürstlich Solms-Braunfelsisches Hofgut und Zehntscheuer

Der umfangreiche Landbesitz aus gräflichen Lehen und Schenkungen, sowie die zahlreichen grossen Wirtschaftsgebäude boten sich in der Folgezeit dazu an, Elgershausen als Solmsisches Hofgut weiterzuführen. Der Wirtschaftsbetrieb wurde von einem Hofmann oder Hofbeständer geführt [14]. Dieser hatte die Steuereinkünfte der Grafschaft in der als Zehntscheune “entheiligten” MarienkapelIe zu verwahren. 1693 verlegte der auf Greifenstein regierende Graf Wilhelm Moritz seine Residenz nach Braunfels, aber auch nach dieser Zeit war die Zehntscheune auf dem Elgershäuser Hof, wie der Ort damals genannt wurde, neben Greifenstein, Altenberg und Heisterberg einer der dezentralen Sammelorte für die Naturalabgaben des kleinen absolutistischen Fürstentums [15].

Pachthof, Bierbrauerei und Gasthof

Missernten und Unterschlagungen des Hofbeständers führten 1725 dazu, das Gut nicht weiter in fürstlicher Regie zu führen, sondern samt Zehnteinnahrne zu verpachten [16]. lm Archiv der Fürstlichen Solmsischen Rentkammer in Braunfels finden sich die Pachtverträge der damaligen Zeit, aber auch zahlreiche Eingaben der Pächter um Herabsetzung des Pachtzinses, der teilweise in Geld, teilweise in Naturalien zu entrichten war. Alle 4 Jahre wurde der Hof zur Pacht erneut ausgeschrieben, so z. B. im “Herzoglich Nassauischen Allgemeinen Intelligenzblatt” und in dem “Wetzlarischen wöchentlichen Intelligenzblatt” [16.1]. Ein Johannes Simnon bewirbt sich 1737 auf eine Anzeige mit folgender Anrede an die Beamten der Rentkammer: “Hochedelgeborene, gestreng und hochgelehrte, zur Hochgräflichen Rentkammer wohlverordnete Herren, Direktoren und Kammerräte, grossgünstige und hochgebietende Herren usw.”. Dieser Brief wurde mit 3 Kreuzen unterzeichnet, Ausdruck dafür, dass der Verfasser des Schreibens nicht kundig gewesen ist und ein Schreiber benötigt wurde.

Die offensichtlich sehr hohen Pachtsummen zwangen die Pächter, unter Vernachlässigung der Unterhaltung von Stallungen und Wohnhäusern soviel wie nur möglich wirtschaftlich aus dem Betrieb herauszuholen und sich auch nach weiteren Einnahmequellen umzusehen. Zwar finden sich ein Hopfengarten und Braubütten schon früh in Inventarverzeichnissen erwähnt [17], die Branntwein- und Bierproduktion war allerdings nur dem eigenen Hof und dem Verkauf in aussersolmsischen Gebiet vorbehalten. Ausgelöst durch einen Bauantrag [17.1] wird dem Pächter im Mai 1756, sicher auch zur Aufbesserung des Hofertrags, das uneingeschränkte Brau- und Schankrecht zugesprochen. Dass dieses Recht aber auch nicht zu jedermanns Freude beitrug, zeigt die schon wenige Tage später verfasste Eingabe des Greifensteiner Pfarrers Bender an das Konsistoriurn zu Braunfels: “Dern Vernehmen nach fangen die Beständer deren herrschaftlichen Höfen in meinem Kirchspiel, sowohl zu Edingen, als auch zu Elgershausen an, an Sonn- und Festtagen, dem göttlichen Gesetz schnurstracks zuwider und entgegen, Musikanten und öffentliche Tantze, auch andere sündliche Spiele und dergleichen zu halten und dadurch leichtgesinnte gottesvergessene Leute aus der Nachbarschaft unseres und angrenzender Länder herbei zu locken, woher es geschieht, dass die herrschaftlichen Höfe und Häuser zu Spiel-, Sauf- und Sündenhäusern gemacht werden, unter dem schlechten Vorwand, dass die Hofleute destobesser den Pacht entrichten können” [18].

Residenz des Fürsten Friedrich von Solms-Braunfels

Fürst Friedrich war der Bruder des Braunfelser Fürsten Ferdinand Wilhelm Ernst (1762- 1783). Entgegen der Bestimmung des Hauses, dass nur der älteste Sohn die Regierung führen sollte, setzten es seine jüngeren Brüder Christoph, Ludwig und Friedrich durch, dass sie zu Mitregenten ernannt wurden. Friedrich richtete seine bescheidene, aber wohlgeordnete Residenz in Elgershausen ein [19] und bezog das Wohnhaus, das erst 1756 von dem vorhergehenden Hofpächter Schweizer neu erbaut worden war. 1764 entstand neben dem Hofhaus ein gewölbter Keller [20], 1770 wurde das Haus “lm Berge” darauf aufgestockt und als Wohnung für Dienstleute hergerichtet. Schliesslich erhielt der Hof einen Fischteich und ein Gesindehaus.

Die Oberförsterei

lm 19. Jahrhundert wurde das alte Ackerland des Elgershäuser Hof mehr und mehr aufgeforstet, da der stark ausgezehrte Boden immer weniger Ertrage abwarf und der Erntegewinn durch neu aufgetretene Fruchtkrankheiten und Parasiten immer kleiner wurde. Wald- und Forstwirtschaft sollte die Landwirtschaft ersetzen und wurde vom Braunfelser Jagdfürsten Ferdinand (1837-1873) auch nachhaltig gefördert. Bis 1901 bewohnten vier Förstergenerationen den nun klein gewordenen Elgershäuser Hof. Von dem einstmals umfangreichen unter Pflug stehenden Land war nur noch das sogenannte Besoldungsstück unterhalb der heutigen Ärztehäuser geblieben, das die 3 Forstbeamten und 2 Oberförster mit etwas Kleinvieh und einer Kuh bewirtschafteten [21]. Alle anderen Ländereien waren aufgeforstet worden oder lagen brach. Sicher haben viele Jagdgesellschaften in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Elgershäuser Hof zusammengesessen und sich an dem ins Dilltal ziehenden Hörnerklang und Hundegeläut, sowie an den oftmals ausgelassenen Schüisseltreiben erfreut. Und in diese Idylle hinein trat ein aus Sachsen stammender junger Arzt, verhandelte erfolgreich mit dem Fürstlichen Hause und wandelte schliesslich den Elgershäuser Hof zu seiner Lungenheilstätte, dem “Waldhof”.

[Mit freundlicher Genehmigung von Hans Elgershuizen, http://www.elgershuizen.tk]

 

[1]

Behlen. Nassauische Mitteilungen 1903/04. Fund von Regenbogenschüsselchen, keltischen Münzen in Greifenstein, Flur 14/2, Hollmann, Heinrich, Nassauische Annalen.

[2]

Reese, Bernd: Waldhof Elgershausen. Die Geschichte der Siedlung. 1967, im Eigenverlag.

[3]

Staatsarchiv Koblenz 21/17, 6. Mai 1351.

[4]

Hessisches Hauptstaatsarchiv. Am 09.07.1359 verpfändet Heinrich VI von Solms-Braunfels Elgershausen an Johann von Nassau.

[5]

Randstücke und Wellfussreste von Kugeltöpfen etc. Abkömmlinge der sogenannten blau grauen Ware, datierte Born, Dillenburg, in das 12. -13. Jahrhundert.

[6]

Born, Martin: Siedlungsentwicklung am Osthang des Westerwaldes, Diss. Marburg 1957.

[7]

Elgershausen bei Kassei ist von einem Edelgar gegründet, siehe auch Bach: Die deutschen Ortsnamen 1953/54.

[8]

Aus Denkmaltopographie des Lahn-Dill-Kreises. Erwähnung 1435, 1443 und 1457, Archiv Braunfels, Annalen Elgershausen 'Rep. Hail', siehe auch Bodenfunde beim Umbau des Heilig Hauses 1967 (im Privatbesitz).

[9]

1468. St. Georgs-Bruderschaft wird durch Beiträge unterstützt und stiftet Land, Archiv Braunfels.
1468. Bernhard van Wonsdorf verkauft eine Korngülte an Elgershausen, Archiv Braunfels.
1469. Die Herren van Riedesel verkaufen eine Korngulte an Elgershausen, Archiv Braunfels.

[10]

Reese, Bernd: Burg und Siedlung Greifenstein, Westerwald, Geschichte der Burg und Siedlung. Eigenverlag des Greifensteinvereins 1990.

[11]

1479. Graf Otto setzt einen Kaplan ein. Friedrich Heinrich Himmelreich, Greifensteiner Chronik 1903.

[12]

Die sog. Elgershäuser Gülte ist abgedruckt in Himmelreich, wie 14.

[13]

 F.H. Himmelreich, Konrad zu Solms-Braunfels. Ein Reformationsbüchlein für das Solmser Land, Wetzlar 1917.

[14]

Als erster Holbeständiger wird erwähnt: Stalling von Holzhausen, 1583 Archiv Braunfels, Verzeichnis der Hofgüte durch Archivrat Hayl 1683.

[15]

Uhlharn, Friedrich: Geschichte der Grafen von Solms im Mittelalter, Marburg 1931.

[16]

08.05.1725. Pachtvertrag von Johann P. Tropp aus Dillheim. Verpachtung auf Grund eines Schreibens des Hofrates Kürschner vom März 1725. Archiv Braunfels.

[16.1]

... unter anderem am 24.12.1812

[17]

15.05.1756. P. Schmidtborn und Joh. And. Amberger, Archiv Braunfels.

[17.1]

dto.

[18]

28.05.1765. Beschwerde des Pfarrers Bender, Archiv Braunfels.

[19]

Er wohnte hier von 1764-1773.

[20]

Erbaut 1764, Archiv Braunfels.

[21]

1835 -1900 Oberförster Weit und Oberförster Bernhard
1845 -1859 Oberförster Wilhelmi, Oberförster Dorr, Förster Bange
1859 -1881 Oberförster Becker, Förster Bange, Förster Tropp
1881 -1900 Förster Schneider

[22]

Dr. Georg Liebe, geb. 11.08.1865 in Geithain / Sachsen, gest. 25.01.1924 in Waldhof Elgershausen, Biographie Degener 1914.

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